Dienstag, 21. Mai 2013
Bogensport-News

Der Sport muss im Mittelpunkt stehen

von Günter Kuhr

Interview mit dem neuen Präsidenten des DBSV Hans-Peter Werlen

Der Deutsche Bogensport-Verband 1959 (DBSV) hat einen neuen Präsidenten. Hans-Peter Werlen (61) wurde durch das Präsidium des DBSV eingesetzt und der Mitgliederversammlung am 24.03.2012 in Kaufungen vorgestellt.

Von 2003 bis 2011 war der gebürtige Schweizer aus dem Kanton Wallis Präsident des Schweizer Bogenschützen-Verbandes (SBV). Über mehrere Jahre arbeitete er bei der FITA/WA im Para Archery Committee. Hans-Peter Werlen war über Jahre als Diplomtrainer für den Bogensport sowie für den Behindertensport im SBV tätig. 2011 war er als Nationalhilfscoach für das Schweizer Para Archery-Team im Rahmen der WM-Vorbereitungen eingesetzt. Als technischer Delegierter unterstützte Werlen den Ablauf der Bogensport-WM 2011 in Turin.

Private Gründe haben ihn nach Vollersroda in Thüringen geführt. Als neuer Präsident des DBSV tritt Hans-Peter Werlen die Nachfolge des im August 2011 verstorbenen Wolfgang Kalkum an.

Wird Hans-Peter Werlen als Schweizer einen Weg ebnen, damit nach über 20 Jahren Wiedervereinigung in Deutschland auch im Bogensport zusammenwächst, was zusammen gehört: Bogensportler unter dem Dach eines Verbandes? Hans-Peter Werlen spricht einen Monat nach seiner Amtsübernahme im Interview mit dem Bogensport Magazin über seine Ziele und Visionen, aber auch über Hürden, die bei der Weiterentwicklung des Bogensports in Deutschland genommen werden müssen.

Bogensport Magazin: Herzlichen Glückwunsch zur neuen Funktion als Präsident im DBSV! Wie entwickelte sich der Gedanke, diese Funktion im DBSV zu übernehmen?

Werlen: Am Anfang stand eine eher lustige Geschichte. Es waren private Gründe, die mich nach Deutschland führten, und ich ließ mich in Vollersroda im Weimarer Land nieder. Mit meiner Lebensgefährtin war ich in Jena und wir suchten einige Utensilien für unser Dorffest. Bei einem Besuch eines Bogensportvereins in Jena kam ich mit Thomas Röher - Vizepräsident Sport im DBSV - ins Gespräch. Wir unterhielten uns über den Bogensportverband und vereinbarten ein gemeinsamens Treffen in Weimar, an dem auch Stefan Lehmann aus Berlin - Vizepräsident Organisation im DBSV - teilnahm. Ein Ergebnis dieses Gespräches war es, dass ich mich für eine Wahl zum neuen Präsidenten im DBSV zu Verfügung stellte.

Bogensport Magazin: Sie bringen Erfahrungen als ehemaliger Präsident des Schweizer Bogenschützen-Verbandes (SBV) mit. Gibt es Ideen aus dem Schweizer Bogensportverband, die sie im DBSV realisieren möchten?

Werlen: Zunächst muss ich mich in meine neue Funktion einarbeiten und mich mit der besonderen Situation des Bogensports in Deutschland auseinandersetzen. Die verschiedenen Bogensportverbände in Deutschland ergeben eine außergewöhnliche Situation, die ich in dieser Form aus der Schweiz nicht kenne.

Nach der Wende in Deutschland akzeptierte die FITA nur noch einen deutschen Verband und entschied sich für den DSB. Die Sportler des DBSV standen plötzlich vor der Tür und waren gezwungen, dem DSB beizutreten, um an internationalen Wettkämpfen teilnehmen zu können. Das war ein überaus sonderbarer Vorgang.

Was den DBSV betrifft, so ist mir eine Annäherung an den Weltverband World Archery (WA) wichtig. Das habe ich auch bereits vor der Übernahme meines Amtes dem Präsidium des DBSV mitgeteilt. Der DBSV als reinrassiger Bogensportverband soll künftig seine Wettkampfbedingungen noch stärker an das Reglement der WA anpassen und rasch auf Veränderungen dieses internationalen Reglements reagieren. Bereits in der Vergangenheit wurden beim DBSV Disziplinen des Bogensports gefördert, die auch im Blickpunkt der WA stehen, wie beispielsweise das 3D-Schießen. Der DBSV steht der WA mit der Förderung der Disziplinen des Bogensports näher, als jeder andere deutsche Verband.

Mit einer noch konsequenteren Annäherung möchten wir langfristig bei der WA auf Gehör stoßen. Doch wird das Zeit in Anspruch nehmen und nur in einzelnen Schritten anzugehen sein.

Bogensport Magazin: Wie ist der Bogensport in der Schweiz organisiert?

Werlen: In der Schweiz gibt es den Bogensportverband, in dem Bogensportler den nationalen Bogensport organisieren. Es gab in der Vergangenheit eine Anfrage, ob sich der Bogensportverband dem Schweizer Schießsportverband (SSV) anschließen würde. Wir haben einen solchen Zusammenschluss als nicht zielführend für die Entwicklung des schweizer Bogensports angesehen und uns daher dagegen entschieden. Die Belange des Bogensportes sollten in der Schweiz zu 100% von Bogensportlern organisiert werden. Auch der neue Präsident des Schweizer Bogensportverbandes steht für diese Eigenständigkeit.

Bogensport Magazin: Nach einer Online-Umfrage wünschen sich knapp 85 % von rund 500 befragten Bogensportlern einen Zusammenschluss der Verbände. Wie reagieren sie darauf?

Werlen: Ich habe mich über dieses Thema mit Stefan Lehman und Thomas Röher unterhalten. Unser gemeinsames Ziel ist die Vereinigung der Bogensportler in einem Verband. Das Präsidium des DBSV schrieb in der Vergangenheit mehrfach den DSB an, um in dieser Sache voranzukommen. Der DSB ignorierte diese Anschreiben. Es gab in der Vergangenheit unfaire Auseinandersetzungen, wie die Ankündigung, Mitglieder aus DSB-Landesverbänden auszuschließen, falls diese ihre Mitgliedschaft im DBSV nicht beenden. Das Klima muss sich in Zukunft deutlich verbessern und dazu möchte ich beitragen. Und ich stehe dafür ein, dass niemals der Selbstzweck eines Verbandes über die Interessen des Sports und der Sportler gestellt werden darf. Der Sport muss im Mittelpunkt aller Bemühungen stehen, wenn wir die Zukunft des deutschen Bogensports innovativ gestalten möchten. Dafür sind Gespräche mit dem DSB zwingend erforderlich, aber das setzt auch die Bereitschaft für einen Dialog voraus.

Bogensport Magazin: Wäre der DSB als Dachverband für einen Bogensportverband eine Lösung?

Werlen: Man muss Lösungen für die Sportler finden. Vieles ist machbar und Vieles könnte die aktuelle Situation verbessern. Wie solche Lösungen dann im Detail aussehen, ist zunächst sekundär. Die Verbände müssen sich zunächst an einen Tisch setzen und den Dialog eröffnen. Das erscheint mir vorrangig wichtig. Zumindest ist die aktuelle Situation nicht akzeptabel. Alle Verantwortlichen müssen Ressentiments aus der Vergangenheit beiseitelegen, um eine bessere Lösung zugunsten des deutschen Bogensports zu finden.

Bogensport Magazin: Welche Ziele haben Sie sich darüber hinaus gesetzt?

Werlen: Ich möchte keine Ziele abstecken, die später nicht erfüllt werden können. Und ich möchte keine Hoffnungen wecken, die zu Enttäuschungen führen. Doch gibt es natürlich Schwerpunkte meiner Arbeit. Dazu zählt die Nachwuchsförderung, die höchste Priorität in unserem Verband einnimmt.

Ich möchte stärker als bisher mit dem Deutschen Behindertensportverband zusammenarbeiten. Mir erscheint es auch hier wichtig, dass wir miteinander reden, um bessere Lösungen für den Bogensport der Behinderten zu finden. Sie müssen wissen, dass ich nicht Politiker, sondern Präsident eines Sportverbandes bin, der ausschließlich die Interessen des Sports und der Sportler in den Fokus rückt. Und da müssen wir auch im Behindertensport noch Verbesserungen schaffen.

Bogensport Magazin: In Großbritannien wird das Finale der nationalen Meisterschaftsserie inzwischen an öffentlichkeitswirksamen Orten ausgetragen. Wäre das nicht auch für den deutschen Bogensport interessant?

Werlen: Absolut! Die World Archery Federation geht diesen Weg seit einigen Jahren sehr erfolgreich und zieht damit Medien und Zuschauer an. Damit wird unser Sport stärker als bisher in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Das ist ein zukunftsweisender Weg für den deutschen Bogensport.

Bogensport Magazin: Als Präsident des DBSV ist ihre Zeit kostbar. Bleibt noch Zeit für das eigene Training?

Werlen: Seit fünf Jahren kann ich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr schießen. Bis dahin schoss ich Compound im Indoor- und Outdoor-Bereich. Dazu zählte auch das Feldbogenschießen. Diese unterschiedlichen Disziplinen sind in der Schweiz Voraussetzung für die Erlangung eines Trainerdiploms.

Bogensport Magazin: Wir wünschen Ihnen ein gutes Gelingen bei Ihrer neuen Aufgabe und bedanken uns für das Interview.


zurück

 
© 2007 by www.zetnet.de